21.12.2016 | Trauer um Cliewe Juritza

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Vor ihm baute sich ein meterhoher DDR-Grenzzaun auf. Die Bundesrepublik war für Cliewe Juritza in greifbarer Nähe und doch unerreichbar. Die kleinste Berührung des Maschendrahts hätte dem 18-Jährigen einen Stromschlag versetzt. Er begann zu graben, um sich einen Weg in die Freiheit zu bahnen, stieß aber nur auf Beton. Aus den Augenwinkeln heraus entdeckte er frisch gefällte Baumstämme, mit denen er den Zaun zu überwinden versuchte. Eine Warnlampe leuchtete, er begann zu rennen.

Seine Schritte trugen ihn in ein nahegelegenes thüringisches Dorf, das wie Berlin durch die Mauer geteilt war. Bereits Cliewes Fluchtversuch in Ungarn vor einigen Monaten endete mit Verhören und der permanenten Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Dieses Mal konnte er allerdings entwischen.

Cliewe Juritza verlebte seine Kindheit und Jugend in Ost-Berlin, wollte sich aber nicht vorstellen, ein Leben in einem eingemauerten Land fristen zu müssen. Das Fernweh brachte ihn mit 14 Jahren zur Handelsmarine, die ihn jedoch aufgrund seiner Westverwandtschaft ablehnte. Fieberhaft entwickelte er Pläne, wie er die DDR verlassen könnte. Der nächste Fluchtversuch führte ihn zurück nach Thüringen. Cliewe setzte sich mit seinen 18 Jahren in einen Zug Richtung Eisenach. Da er keine Berechtigung für den Aufenthalt in Grenznähe vorweisen konnte, lenkte er die Aufmerksamkeit der Stasi ein weiteres Mal auf sich. "Wollen Sie fliehen?", herrschten Beamte der Transportpolizei ihn an. Müde, erschöpft und desillusioniert von seiner Reise in ein besseres Leben antwortete er "Ja". Dass er dafür ins Gefängnis gehen würde, wusste er.

Zunächst war Cliewe zwei Wochen in Gotha inhaftiert, bis er in die Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Rummelsburg verlegt wurde. Mit fünf weiteren Gefangenen teilte er sich eine 14 qm große Zelle. Wegen des "Verdachts auf versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts" verurteilte man ihn schließlich zu zwölf Monaten Haft, die er im Jugendhaus Halle verbüßen musste. Nach zehn Monaten schob ihn die DDR im Rahmen des Häftlingsfreikaufs in die Bundesrepublik ab, womit sein Traum endlich wahr wurde. In Kassel holte er das Abitur nach und studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaften. Später arbeitete Cliewe Juritza beim Berliner Senat und organisierte als freier Mitarbeiter städtebauliche Wettbewerbe. Er war zudem als Journalist und in der Pressestelle eines großen amerikanischen Unternehmens tätig.

In den vergangenen Jahren hielt Cliewe nicht nur bei Stadtführungen, sondern auch auf Rundgängen durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen die Erinnerung an den Unrechtsstaat DDR lebendig. Seine persönliche Geschichte schockierte und berührte zugleich.

Cliewe Juritza ist am 20. Dezember 2016 mit nur 50 Jahren in Berlin verstorben.

Die Mitarbeiter der Gedenkstätte, Freunde und Bekannte trauern um ihn und sind mit ihrem Mitgefühl bei seiner Frau, unserer Kollegin Hardburg Stolle.