20.10.2016 | Trauer um Lotte Ohnezeit

Lotte Ohnezeit
Sommer 1945: Die Schrecken des Krieges waren überstanden, Bomben, Zerstörung und die Nazis gehörten der Vergangenheit an. Lotte Ohnezeit, damals 18 Jahre alt, schöpfte neue Hoffnung, die wenig später jäh zerstört wurde. In der Nacht des 12. August 1945 unterbrach ein lautes Klopfen an der heimischen Tür die Gespräche der Familie. Zwei sowjetische Soldaten griffen die junge Frau vor den Augen ihrer Eltern und verfrachteten sie in den Laderaum eines Transporters.

Kurze Zeit später fand sich Lotte umgeben von feuchten, dunklen Mauern auf einer modrigen Holzpritsche wieder. Sie befand sich nun im sowjetischen Speziallager Nr. 3 in Berlin-Hohenschönhausen. Warum ausgerechnet Lotte für die sowjetische Geheimpolizei NKWD von Interesse war, konnte sie sich selbst im Alter von 89 Jahren nicht erklären. In der Nazizeit war sie Mitglied im BDM, aber mussten nicht alle jungen Mädchen in diese Organisation?

Die Baracke in dem Sammel- und Durchgangslager teilte sie mit Hunderten von Männern und einigen wenigen Frauen. Katastrophale hygienische Verhältnisse, Krankheiten, Erschöpfung – bis zu 1.000 Todesfälle sollte es bis zur Schließung des Lagers im Herbst 1946 geben. Hier traf Lotte auch das erste Mal auf Heinrich George, damals ein berühmter Kino- und Theaterschauspieler. Zusammen mussten sie Fichtennadeln für einen Sud kleinschneiden, um Ödeme in dem verdreckten Lager zu vermeiden. Nach ihrer Verlegung in das Speziallager Sachsenhausen einen Monat später sah Lotte ihn wieder. Auf einem Karren wurde sein Leichnam über den Hof geschoben. Von seiner früheren Leibesfülle war nichts mehr zu sehen.

Erst 1948, zwei Tage nach ihrem 21. Geburtstag, wurde Lotte Ohnezeit aus Sachsenhausen entlassen. Sie hat nie erfahren, warum die sowjetischen Besatzer sie eingesperrt hatten. Fast 70 Jahre später saß sie im Roten Rathaus auf einer Bühne und erzählte sehr berührend einem vollen Saal von ihren Erlebnissen. Unter ihnen der Regierende Bürgermeister von Berlin und der Präsident des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen hatte das Glück, diese bemerkenswerte Frau kennenzulernen. Als sie mit ihrem “Porsche” genannten Rollator das erste Mal über das Gelände ging, kamen die Erinnerungen wieder ans Tageslicht. Und sie erzählte sie ohne Scheu und ohne Pathos.

Lotte Ohnezeit ist im vergangenen September mit 89 Jahren in Berlin verstorben.