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Dieter von Wichmann

Dieter von Wichmann

Zeitungsartikel

Erniedrigt und psychisch gefoltert
Reutlinger Generalanzeiger, 21.08.2010

Dieter von Wichmann wurde 1938 in Bayreuth geboren. Ab 1950 wuchs er in der DDR auf. Dort ließ er sich zum Tontechniker ausbilden. Für den Stiefsohn eines erfolgreichen Schauspielers am Berliner Ensemble erfüllte sich mit der Anstellung im Ostberliner Friedrichstadtpalast sein größter beruflicher Wunsch. Anfangs hatte er dort noch Kontakt zu westlichen Kollegen und internationalen Stargästen. Nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 brachen diese Kontakte plötzlich ab. Selbst das Abspielen von Beatles-Liedern wurde von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gerügt. Von Wichmann beschloss deshalb, die DDR zu verlassen. Dieser Wunsch verstärkte sich, als sein Vorgesetzter von ihm ein klares politisches Bekenntnis zur SED verlangte und er zur Nationalen Volksarmee einberufen wurde.

Nach mehreren gescheiterten Fluchtversuchen nahm er Kontakt zu professionellen Fluchthelfern auf. Am vereinbarten Fluchttag im Oktober 1963 klingelten jedoch Mitarbeiter des MfS an seiner Wohnungstür. Sie verhafteten ihn und brachten ihn in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Dort wurde der 26-jährige durch Einzelhaft, Leseverbot und zermürbende Verhöre so lange unter Druck gesetzt, bis er ein Geständnis unterschrieb. Nach vier Monaten Untersuchungshaft wurde er im Februar 1964 wegen "ungesetzlichem Grenzübertritt", "ungesetzlicher Verbindungsaufnahme" und "Verstoß gegen das Pass-Gesetz" zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach 15 Monaten Haft im Zuchthaus Berlin-Rummelsburg wurde er im Mai 1965 von der Bundesrepublik freigekauft.

In West-Berlin absolvierte er ein Studium zum Theater- und Beleuchtungsmeister. Seit 1999 führt von Wichmann Besuchergruppen durch die Gedenkstätte. Sein Schicksal wurde in dem Dokumentarfilm "Eingesperrt und freigekauft – Politische Häftlinge in der DDR" (Deutschland 1999) nachgezeichnet.